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sich ähnlich sein

Was aber traurig ist am Älter werden, ist das: Mein Löffelkind ist mir ziemlich ähnlich. Ich beobachte an ihr Verhaltensweisen, Muster und sogar Körperhaltungen, die ich von mir kenne. Ich hatte schon Zeit mit diesen Dingen zurecht zu kommen, sie noch nicht. Ich werde ihr wohl dabei zusehen müssen, wie sie vieles aus eigener Erfahrung lernt, das ich schon hinter mir habe und ich kann ihr kaum Abkürzungen zeigen, denn das muss sie selber schaffen.

Wie ich das meine? Ok, ein Beispiel: Das verrückte Labyrinth
Ein wunderbares Gesellschaftsspiel, das ich schon als Kind selber gern gespielt hat und das es (ja genau exakt dasselbe!) vom Dachboden meiner Eltern in Österreich bis in die deutsche Großstadt geschafft hat. Ein paar Wochen lang spielte das Löffelkind es am allerliebsten. Jeden Tag. Und ich mit ihr. Aber so einfach und schön das klingt, so einfach ist es aber doch nicht. Denn nachdem ich das Spiel ja nun schon eine Weile spiele, hab ich dafür auch Strategien im Kopf. Und das Löffelkind nicht. Dadurch braucht es vieel länger als notwendig, um zu den richtigen Punkten im Spiel zu kommen (man muss sich da einen Weg durchs Labyrinth bahnen, um Schätze einzusammeln und dafür muss man Kärtchen verschieben, was eine gewisse Übung der Vorstellungskraft braucht). Nach ein paar Tagen merkte ich dann, dass sie oft ganz kompliziert schob, und dadurch viel langsamer war als ich. Sie beschwerte sich auch zunehmend darüber, dass sie nie gewann. Ich beobachtete ihr Spielverhalten und zog meine Schlüsse, ich spielte selber extra kompliziert, um nicht zu einfach zu gewinnen und manchmal zeigte ich ihr sogar meine Strategien.
Aber es sind ja meine Strategien, die sie sich noch nicht erarbeitet hat und daher nicht behalten kann. Um ehrlich zu sein: Das hat mich manchmal ganz schön Geduld gekostet, ihr dabei zuzusehen. Manchmal ist Lernen halt genauso schwer, wie das dabei zu gucken.

Bei Wutausbrüchen ist das ähnlich. Damit hat das Löffelkind auch zu kämpfen. Ziemlich lautstark leider. Ich kann mich an eigene kindliche Wutausbrüche erinnern. Gelegentlich bricht mein Wut-Vulkan immer noch aus, aber seltener (und ich bilde mir ein kontrollierter, haha). Ich kann mit ihr darüber sprechen, aber die Strategien, um mit ihrer Wut zurecht zu kommen, muss sie selbst entwickeln. Und mir bleibt nichts anderes übrig als Auszuhalten, Festzuhalten und sie lernen zu lassen. Und das fällt mir schwer.

Ein Hoch auf das Mittelalter!

Ich bin alt, ich werde alt, mann bin ich alt geworden! Juhu!
Nein Quatsch, so alt bin ich noch gar nicht, Anfang Dreißig kann man sagen. Aber schon seit Mitte Zwanzig stelle ich immer wieder fest: älter werden ist bisher nicht schlimm.
„Ja, werd mal richtig alt du junges Gemüse“ denken jetzt die deutlich älteren LeserInnen und recht haben sie.
Mein Punkt ist der: In meiner näheren und ferneren sozialen Umgebung befinden sich viele Menschen um die Mitte Dreißig. Und langsam, manchmal auch schon länger, macht sich das Gefühl breit, alt geworden zu sein. Im Vergleich zumindest. Häufig passiert das an Tagen nach gesteigertem Alkoholkonsum, Umzügen oder Bauaktionen. Wir „Mittelalten“ vertragen weder lange Parties noch ungewohnte körperliche Arbeit und auch krank sein nicht mehr so gut wie vor 10 Jahren. Vor 10 Jahren. Uhh. Das ist das zweite Anzeichen: Mensch, wir kennen uns jetzt schon zehn Jahre! (Trifft bei mir ziemlich viele, weil ich vor ziemlich genau zehn Jahren in diese Stadt kam, meinen Mann kennen lernte etc.) Ich messe Zeit also schon in Jahrzehnten! Dem Löffelkind erkläre ich, warum manches besser kann als sie mit den Worten: „Ich übe das ja auch schon fünfundzwanzig Jahre!“
Oder noch schlimmer: Irgendwo läuft vielleicht eine Folge der Gilmore Girls oder Ähnliches und ich denke: „Oh, ist ja auch schon eine Weile her, wie lange eigentlich?“ Nachgeguckt: 2000 bis 2007, die LETZTE Folge ist also schon fast 10 Jahre alt! Back to the Future Day war mittlerweile auch schon und das Phänomen, dass Dinge, die ich etwa zehn Jahre zurückdatieren würde dann doch schon 1990 passiert sind, häuft sich. Spätestens seit ich mir mal angeschaut habe wie jung die Schauspieler in diversen Filmen „meiner Jugend“ damals im Vergleich zu heute aussahen, wirds schon echt gruselig.
Ein weiteres Anzeichen fürs Älterwerden ist ja übrigens, dass ich Jugendliche beobachte und mir mittlerweile nicht mehr vorstelle, dass ich auch mal so alt war, sondern darüber nachdenke, wie es wohl ist die Mutter von so einem Menschen zu sein! Hach, da freu ich mich ja gar nicht drauf. Fremdschämen nennt man diesen Zustand, der mich da regelmäßig bei der Jugendlichenbeobachtung befällt. Ein Glück, dass ich diese Unsicherheiten, unglückliches Verliebtsein und Pickel hinter mir gelassen habe. (Und dass das alles im Prä-socialnetworkingzeitalter passiert ist.)

ABER zurück zur Frage: Ist älter werden wirklich schlimm?
Diese Frage muss ich im klar verneinen. Denn bisher hat älter werden eigentlich kaum Nachteile gehabt. Vieles von dem, was mich früher beschäftigt hat, viel Zeit, Geduld, Geld, Nerven etc. gebraucht hat, ist heute nicht mehr wichtig. Das hängt vor allem damit zusammen, dass mir meine Erscheinung nach Außen mit zunehmendem Alter und zunehmender Kinderzahl zunehmend unwichtiger wurde.
Haare nicht mehr ganz frisch – ach ja, was solls. Mit 17 hab ich auch 10 Minuten vor der Abfahrt meines Zuges morgens noch die Haare gewaschen.
T-Shirt hat deutliche Spuren des zuletzt mitgewaschenen Taschentuchs – hm kurz abgerubbelt, wird schon wieder runtergehen…
Sich nicht mehr so sehr um sein Äußeres zu kümmern entlastet wirklich ungemein!

Vorsicht vor dem Ratgeber-Beispiel!

Gestern habe ich mich geärgert. Ich lese gerade mal wieder ein Buch über Erziehung. Welches es ist verrate ich noch nicht, ich habe mir nämlich noch keine abschließende Meinung gebildet. Es will auch nicht eigentlich kein klassischer Ratgeber sein. Beispiele werden trotzdem angeführt. Und über eines habe ich mich geärgert. Beispiele in Erziehungsratgebern funktionieren nämlich immer gleich und führen uns Eltern auf falsche Fährten. Meistens klingen sie ungefähr so:

Heinrich ist ein fröhlicher Junge. Zwischen ihm und seinen Eltern gibt es jedoch ein immer wieder kehrendes Streitthema: Das Abendbrot. Selten kommt Heinrich rechtzeitig zum Familienessen nach Hause, meistens meckert er am Essen herum und häufig sind am Ende der Mahlzeit alle schlechter Laune und Heinrich bedient sich zwischendurch am Kühlschrank. Die Eltern sind verzweifelt. Sie überlegen gemeinsam mit Heinrich, wie sie die Situation verändern können und kommen zu einer Lösung. Heinrich verspricht, sich nicht mehr am Kühlschrank zu bedienen, sondern rechtzeitig zu Hause zu sein und gemeinsam mit seinen Eltern die Mahlzeit zuzubereiten. So kann er mitbestimmen, was auf den Tisch kommt. Die Situation entspannt sich und alle sind zufrieden.

Oder:

Sabine und ihre Mutter müssen regelmäßig nach dem Kindergarten noch einkaufen gehen, was regelmäßig zur Geduldsprobe für beide wird. Sabine weigert sich, im Einkaufswagen zu sitzen, möchte aber auch nicht laufen. Oft steckt Sabine heimlich Süßigkeiten in den Wagen und dann gibt es Streit. Die Mutter weiß nicht ein und aus. Nach einem Gespräch mit der Erzieherin beschließt sie in Zukunft vor dem Abholen einkaufen zu gehen, damit Sabine in der Kita noch einen Nachmittagssnack zu sich nehmen kann, denn sie hatte nicht nur keine Lust auf das Einkaufen, sondern auch einfach Hunger.

In den meisten Ratgebern finden sich unzählige Beispiele nach diesem Prinzip: Schwieriges Verhalten – wir finden das dahinterstehende Problem – Lösung – Glück für alle!

Da sitze ich dann, nachdem ich so ein Buch gelesen habe und denke: cool, ist ja ganz einfach, ich muss nur immer herausfinden, was das eigentliche Problem ist und dann eine Lösung erfinden! Das kann ich doch bestimmt auch! Und dann: Ich denke, probiere, löse… Und? Es ändert nichts. Gar nichts. Oder wenig. Oder nur kurz. Denn: Mit Kindern zusammen zu leben funktioniert nicht wie eine Matheaufgabe. Meistens gibt es keine einfache Lösung. Oder sie funktioniert nur kurz. Denn Kinder verändern sich ständig. Und manche Verhaltensweisen gehören zur Entwicklung dazu. Streiten bestimmt auch.

Besonders ärgerlich finde ich meistens die letzten Sätze dieser Beispiele. Das liest sich dann ungefähr so: Schon nach wenigen Tagen war in der Familie Ruhe eingekehrt. Das Kind hatte einfach eine volle Windel und wollte deshalb nicht im Stühlchen sitzen. Nachdem Heinrich zweimal zu spät zur Schule gekommen war, lernte er, schon beim ersten Klingen des Weckers aufzustehen….

Nicht die eigentlichen Beispiele stören mich, und die Lösungen auch nicht, was mich stört ist das Gefühl, das diese Beispiele hinterlassen. Jede schwierige Situation hat ein dahinterliegendes Problem und kann mit einer “Lösung“ behoben werden. Denn genau das stimmt nicht. Ich bin mir sicher, dass es in vielen Familien Situationen gibt, die eben nicht “gelöst“ werden können. Zumindest nicht auf diese Art. Wenn ich es aber doch versuche, dann fühle ich mich am Ende als Versagerin, weil es bei MIR nicht funktioniert oder ich die Lösung nicht finde, oder noch schlimmer ich frage mich, was mit meinen Kindern los ist, weil es bei DENEN nicht fruchtet. Und das ist ja wohl das schlimmste, was passieren kann. Also: Obacht! Diese Beispiele haben wenig mit der Familienrealität zu tun.

Energieerhaltung und Energieeffizienz in der Erziehung

Energieerhaltung und Energieeffizienz, was hat das nun wieder mit Kindern zu tun? Lasst euch eines sagen: Kinder haben immer was mit Energie zu tun! Sie sind regelrechte Energiestaubsauger! Sie saugen gerne die Energie von Erwachsenen auf. Das lernen alle erwachsenen Menschen, die mit Kindern zu tun haben, rasend schnell. Als ich vor Jahren mein erstes längeres Praktikum in einer Grundschule gemacht habe, war das meine allererste Erkenntnis. Nach ein paar Stunden in der Schule konnte ich einen ganzen Nachmittag verschlafen! Diesen Luxus hat man als Elternteil leider nicht mehr. So ist etwas vom Ersten, das junge Eltern lernen sollten, auf sich zu achten und für genügend Auftankzeiten zu sorgen. Also erster Tipp des Tages: Auf die eigene Energieeffizienz achten. Wie man das macht? Zum Beispiel kann man seine Wohnung so gestalten, dass die Kinder Orte haben, an denen sie sich einfach selbst beschäftigen können. Das Löffelkind hat zum Beispiel einen Bastel- und Malschreibtisch im Wohnzimmer. Das Löffelchen dagegen liebt die Keksformschachtel. Die steht in der Küche und da kann man großartig die Keksformen ausräumen und in der Wohnung verteilen.

Was macht ihr, um Energie im Alltag zu sparen?

Zweiter Tipp des Tages: Jede Situation fordert eine gewisse Menge an Energie. Leider befinden wir uns aber im Umgang mit Kindern in den Geistes- und nicht in den Naturwissenschaften, weshalb sich das alles nicht genau berechnen lässt. Aber vielleicht sollte ich erstmal erklären, was ich damit meine, also ein Beispiel: Immer ein schönes Thema ist im Löffelreich ja die Morgenzeit, also vom Wecken bis zum Kita-gehen. Regelmäßig Streit, Meckerei und schlechte Laune auf allen Seiten. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass das Löffelkind, obwohl es körperlich und geistig in der Lage wäre sich flott und selbständig anzuziehen, das morgens einfach nicht kann. Daher stecke ich die sonst für Meckern und Drohen, ja auch Schreien kam vor, aufgebrachte Energie mittlerweile einfach darin, einen Tick früher aufzustehen und nun dem Löffelkind beim Anziehen zu helfen. Nicht weil wir dann schneller sind, sondern weil wir dann glücklicher sind. Denn Anziehen scheint in diesem Falle auch für Kontakt zu stehen.
Noch ein Beispiel? Bittesehr: Brenzlige Spielsituationen. Wenn Kinder allein oder in Gruppen es gerade nicht schaffen friedlich und alleine zu spielen, kann sich die Erwachsenenwelt überlegen, ob sie die Energie dafür aufwenden möchte, sich darüber zu ärgern und zu maßregeln, oder ob die nötige Energie in Form von Zuwendung, Anleitung und Unterstützung hinzugefügt wird. Alles klar? Schön. Klingt ja doch ein wenig berechenbar, oder? Also ein Auftrag an die Leser: In der nächsten brenzligen Situation die Energie einfach mal in positiver Form in das System einschleusen. Und gerne danach hier als Kommentar berichten.

Könnt ihr nicht mal….

…fünf Minuten alleine spielen?
…kurz leise sein?
…ein bisschen vorsichtiger sein?
…wenigstens einmal hinter euch aufräumen?
…mich kurz in Ruhe lassen?


Nein können wir nicht!

Das wäre die ehrliche Antwort auf fast alle Fragen an Kinder, die im Erwachsenen mit dem Gefühl „Könnt ihr nicht mal…“ beginnen.
„Können wir gerade nicht. Oder wir können es noch nicht. Wir meinen das auch nicht böse, aber es ist für uns gerade einfach nicht möglich.“ Das müssten Kinder ehrlicherweise dann antworten. Können sie aber logischerweise auch nicht.
„Hilf uns bitte dabei!“ wird man auch nicht hören.
Aber es ist wahr. Kinder schaffen es einfach nicht immer zusammen zu spielen oder sich konfliktfrei miteinander zu beschäftigen (um mal das erste Beispiel auszuführen). Manchmal brauchen sie dafür unsere Hilfe, vielleicht eine Spielidee, vielleicht Vermittlung oder noch was ganz anderes.

Es gibt auch genügend Situationen, in denen wir Erwachsenen uns von den Kindern vielleicht ein „reiferes“ Verhalten wünschen, zu dem sie in diesem Moment einfach nicht fähig sind. Dann brauchen sie unsere Hilfe, nicht unser Gemecker.

Ein Beispiel: Es ist der 24. Dezember. Alle sind aufgeregt. Löffelkind und der Cousin versuchen miteinander zu spielen, aber es klappt einfach nicht, weil beide deutlich unterschiedliche Ideen verfolgen, einer will mit der Feuerwehr die Straße absperren, die andere will genau da mit dem Auto langfahren. Gemecker, Gemecker, Gemecker. Den Erwachsenen ist es zu laut, die Kinder sind genervt, sie wollen eigentlich, schaffen es aber heute beide nicht einzulenken.
Version A: Ich denke: „Oh mann könnt ihr nicht mal…“ meckere auch noch, warum nicht einer da lang fahren kann oder durchlassen oder sonst was, irgendwann reichts und ich trenne die Kinder. Zumindest sind wir am Ende alle ungefähr gleich genervt.
Version B: Ich denke: „Oje, die schaffens grad nicht“ setze mich eine Weile dazu und helfe ihnen in ein gemeinsames Spiel: irgendwo brennt es, das andere Auto muss auch dahin, weil es das Reporterauto ist…
Klappt auch nicht immer, aber immerhin meckert eine weniger :ö)

Noch ein Beispiel: Es gibt Kinder, die können sich einfach nur schwer in einer wuseligen Gruppe konzentrieren. Von denen dann zu verlangen sich mir 10 anderen Kindern in der Kita-Garderobe selbstständig und schnell umzuziehen ist fast schon gemein. Sie werden es nicht schaffen. Denn hier sieht einer witzig aus beim Mützeaufsetzen, da muss geschnattert werden und dort… am Ende sind alle angezogen und Löffelkind hat noch nichtmal die Schuhe angefasst…

Wann hast du einen Satz im Kopf der mit den Worten „Kannst du nicht mal…“ beginnt?

Aufmerksamkeit? – Kontakt!

Seit ich mich ein bisschen mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftigt habe, versuche ich darüber nachzudenken, was Menschen in meiner Umgebung BRAUCHEN, anstatt damit, was sie WOLLEN. Besonders, wenn ich mit Kindern zu tun habe, hilft mir diese Sichtweise, besser zu verstehen, was gerade los ist.

Nachdem ich gerade in der (für Erwachsene wie Kinder) stressigen Vorweihnachtszeit erstaunlich viele aufgedrehte, anstrengende und angestrengte Kinder beobachtet habe, hatte ich noch eine Erkenntnis: Ich muss nicht nur das Wort „brauchen“ anstatt „wollen“ benutzen, es gibt noch ein wichtiges Wort, das im Zusammenhang mit Kindern ersetzt werden sollte: Aufmerksamkeit. Das ist ja mittlerweile ein negativ besetztes Wort. Entweder fehlt den Kindern angeblich die Fähigkeit zur (längeren) Aufmerksamkeit, oder sie wollen zu viel davon. Besonders dieses „Aufmerksamkeit wollen“ ist mir mittlerweile ein Dorn im Auge. Wie oft wird dieser Satz über ein Kind gesagt: „Der/die will ja nur Aufmerksamkeit!“ Wie oft wurde dieser Satz über jedes einzelne Kind schon gesagt? Wenn ich diesen Satz lese, kann ich schon genau den genervten Ton dazu hören. Übersetze ich diesen Satz mal mit dem dazugehörigen Gefühl, würde ich sagen: „Was will dieses Kind denn jetzt schon wieder von mir?“ oder noch genauer „Was fällt diesem Kind ein, mich jetzt in meiner Tätigkeit zu stören?“
Nun will ich aber mal den längeren Weg gehen und überlege, warum mich das Kind jetzt ruft „Mama guck mal! Schau was ich kann! Du sollst mit mir spielen!“ oder in welcher Situation ein Kind sich so benimmt, dass Erwachsene sagen, dass das Kind Aufmerksamkeit will.
Was also braucht das Kind gerade? Was ist mit dem Wort „Aufmerksamkeit“ überhaupt gemeint? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Ich denke, Kinder wollen gesehen werden, Kinder brauchen Kontakt, Verbindung und Beziehung. Warum ist es dem Kind denn überhaupt wichtig, dass ICH sehe, dass es schaukeln kann? Es braucht von MIR eine Reaktion, es will mit mir in Verbindung treten.
Mein großes Löffelkind braucht zum Beispiel scheinbar gerade in den Abendstunden nochmal Kontakt zu seinen Eltern. Dann wird das Anziehen hinausgezögert, nochmal was zu Trinken verlangt, unendlich lange überlegt, welche Kassette man zum Einschlafen hören könnte etc. Manchmal frage ich mich (und gelegentlich auch direkt das Löffelkind), ob es mich damit ärgern will. Wozu jetzt noch dieses Aufmerksamkeit-heischen? Übersetze ich „Aufmerksamkeit wollen“ aber mit „Verbindung brauchen“ wundere ich mich nicht mehr, und muss mich auch nicht mehr fragen, was gerade los ist. Es wird plötzlich klar, dass mich niemand ärgern will, mein Löffelkind braucht nochmal Kontakt! Das hat mit ärgern wollen ungefähr soviel zu tun wie Bananenmilch mit Fahrradreifen! Mit diesem Gedanken kann ich den gewünschten Kontakt dann auch einfacher zulassen. Nicht immer, aber oft und das ist für uns beide gut.

wollen und brauchen

Kinder wollen ständig irgendwas. Entweder etwas haben, etwas essen, oder etwas von einer anderen Person. „Du bist ein kleines ICH WILL“ denke ich oft. Und das ist ganz normal. Wollen hat ja was mit Bedürfnis zu tun. Und Kinder definieren sich ganz lange über Bedürfnisse. Eltern (und andere Erwachsene) erfüllen Bedürfnisse. Erst eifrig und sofort (Säugling), dann übermüdet (immer noch Säugling), dann zögernd (Kleinkind) später auch mal unwillig oder um Theater zu umgehen. Und da beginnt es. Erziehung. Welchem Wollen gebe ich nach, welchem nicht mehr? Welches prompt und welches erst mit Verzögerung? Wie entscheide ich das? Wie erkläre ich das? Und geht nicht heute doch mal das Eis vor dem Abendessen? Alles Fragen des sogenannten Trotzalters (das sinnvollerweise in der Fachliteratur mittlerweile Autonomiephase heißt). Das sind die täglichen Entscheidungen, die als Elternteil in Sekundenbruchteilen gefällt werden. Über die man sich nachher oft ärgert. Also erstmal atmen, durchdenken, dann antworten.
Und überlegen: Welches Bedürfnis hat das Kind gerade? Ist es wirklich das Eis oder das neue Legoauto? Steckt noch was anderes dahinter? Was wollen Kinder eigentlich wirklich? Muss ich alles geben, was sie wollen? Darf ich NEIN sagen? An welcher Stelle?
Diese Fragen werden leichter zu beantworten, wenn man gedanklich Abstand vom Wort WOLLEN nimmt. Und das Wort BRAUCHEN einsetzt. Darüber nachdenken, was Kinder, was dieses Kind braucht. Grundsätzlich. Oder jetzt. Von mir.
Kinder brauchen immer Verbindung und Kontakt, brauchen BEZIEHUNG. Und sie brauchen mit dem Alter zunehmend mehr Autonomie, selbst entscheiden können und dürfen. Diese Gedanken im Kopf haben mir sehr geholfen im Ich-Will-Dschungel zu überleben. Denn: Ich kann meinen Kindern nicht alles geben, was sie wollen, ich will ihnen aber alles geben was sie brauchen.

das Lernen zulassen

Beim Nachdenken über die Sache mit dem Backen und warum ich mich dabei so entspannen muss, ist mir aufgefallen, dass ich mich noch an anderen Stellen entspannen muss, um den gewünschten Effekt eintreten zu lassen.
Das kann eine kleine Geste sein, wie zum Beispiel die Tasse des Löffelchens nicht mehr für sie zu halten, weil sie sonst nicht ganz alleine trinken kann (was sie erstaunlich schnell gelernt hat, seit ich da losgelassen habe) oder eine große Überwindung, wie das Löffelkind in der Unterhose zur Kita zu bringen, weil es wieder getrödelt hat. Besonders wichtig aber eben beim Backen. Wenn ich da kommentierend daneben stehe lernt das Löffelkind eher, dass Mama alles besser weiß, als wie man das Mehl möglichst kleckerfrei in den Kuchen kriegt. (Ich weiß, die Backanleitung fehlt noch).
Manchmal ist Erziehung halt auch: Augen zu und durchatmen. Die Kinder machen das schon.

seine Nächte machen

Was es mir bei den Franzosen besonders angetan hat, ist das  Modell des Schlafens. Ganz eindeutig etwas, das ich gern früher gewusst hätte. So etwa sechs Jahre wären da gut gewesen.

Französische Babys schlafen fast ausnahmslos sehr früh durch. Und zwar tatsächlich. Man nennt das „elle fait sa nuit“ was soviel heißt wie er oder sie macht ihre Nächte. Und das liegt am dritten Erziehungsprinzip: la pause. Die Kinder etwas warten lassen. Französische Eltern lassen ihre Kinder oft ein bisschen warten, bis die Bedürfnisse erfüllt werden. Dadurch lernen die Kinder Geduld. Nachts wird zum Beispiel etwas gewartet, ob das Kind wirklich wach wird, oder von selbst wieder einschläft. Und dadurch sollen die Kinder lernen, ihre Schlafphasen zu verbinden. Besonders gut soll das bis zum vierten Lebensmonat funktionieren.
Schön finde ich dabei, dass es nicht darum geht ein Schlafprogramm durchzuzuiehen, sondern genau hinzusehen, ob das Kind wirklich einen Erwachsenen braucht, oder alleine klarkommt. Weint das Kind oder schreit es gar, wird es durchaus hochgenommen und beruhigt. Aber vielleicht schläft es ja alleine weiter, dann hätte man es mit hochnehmen/stillen/etc. erst recht wach gemacht.

Schade hingegen finde ich wieder, dass das Familienbett in Frankreich wohl ein Kuriosum ist, denn ich schlafe gern mit dem Löffelchen im selben Bett, und gelegentlich auch mit dem Löffelkind, aber das braucht so viel Platz. In Frankreich wird man dagegen aber wohl komisch angeguckt, wenn man mit einem 6 Wochen alten Säugling ein ein-Zimmer-Appartment mieten will…

Für uns haben diese Schlaferkenntnisse, obwohl sie zu spät kamen (und für unseren Schlafmarathon mit dem Löffelkind, das mit über 2 erst durchschlief erst recht), doch einiges zum Guten gewendet. Löffelchen schläft jetzt erst mal im eigenen Bettchen ein, während ich noch im Zimmer bin, denn ich hatte keine Lust mehr anderthalb Stunden im Dunklen neben dem singenden lachenden Löffelchen zu liegen, bis es endlich einschlafen kann. Dadurch, dass ich wenn sie mal nachts kräht aber warte, ob sie nicht doch allein wieder einschläft, schläft sie tatsächlich oft bis ca 6 oder halb 7 Uhr. Diese Nächte sind gut, denn dann kann ich mal durchschlafen. Beruhigt sie sich aber nicht selbst, hole ich sie zu mir zum Stillen. Diese Nächte sind auch gut, denn dann kann ich kuscheln.
In der Rückschau, was denn das Löffelkind dann endgültig zum Durchschlafen gebracht hat ist mir auch eingefallen, dass es meine Faulheit war. Ich hatte sie nachts noch krähen gehört, dachte aber: ich warte mal bis der Löffelmann aufsteht. Der hat das Krähen nicht gehört und so schliefen wir irgendwann selig alle durch.. Das hätten wir wohl schon früher haben können.

Französisch lernen

Neulich hat mir eine Freundin ein Buch ausgeliehen. „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ von Pamela Druckerman. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert! ich erzähle ALLEN, mit denen ich über Kinder spreche von diesem Buch, obwohl ich es noch nicht einmal ausgelesen habe. Ich bin sogar der Meinung, es sollte Pflichtlektüre für alle frischen Mamas sein. Zumindest die Teile, die ich schon gelesen habe.
Kurz zum Inhalt: Frau Druckerman ist Schriftstellerin und Amerikanerin, sie lebt in Paris. Und dort hat sie festgestellt: Französische Kinder werfen nicht mit essen (englischer Originaltitel), sie sitzen brav (oder „sage“) durch 4 Gänge. Sie schlafen mit 2-4 Monaten durch und wenn französische Eltern mit Kindern zu Besuch sind, können sich die Eltern in Ruhe unterhalten, während die Kinder im Zimmer verschwunden sind.
Weil sie das alles ziemlich verblüfft, begibt sie sich auf die Suche nach den französischen Erziehungsprinzipien und -zielen. Die Leserin des Buches begleitet sie auf dieser Reise, und das ist (zumindest für mich, die gern vergleichende Studien zur Kindererziehung betreibt) ganz schön spannend.

Vieles am französischen Umgang mit dem Kinderkriegen gefällt mir überhaupt nicht. Ich würde beispielsweise ungern gezwungen sein, in einer durchschnittlichen französischen Klinik ein Kind zur Welt zu bringen. Ich habe da unlängst Bilder von Kreißsäalen gesehen, da war ich an eine Besenkammer mit Gyn-Stuhl erinnert. brrr. Ich finde es schade, dass so wenige Französinnen stillen, oder das nur sehr kurz machen. Aber ich denke nach der Lektüre eines Drittels des Buches: Manches machen die schon richtig.
Grundprinzip scheint zu sein: Kinder haben ist schön, aber es ist nicht alles! Nicht das ganze Leben der Mütter und Väter muss sich um die Kinderaufzucht drehen. Das klingt doch vernünftig, oder? Auch wenn es trotzdem schön ist, zumindest in den Anfängen ganz intensiv Eltern zu sein, sollte man sich das manchmal in Erinnerung rufen.
Zweites Grundprinzip: Es gibt einen Rahmen, genannt „cadre“, an den haben sich die Kinder zu halten, ansonsten genießen sie viel Freiheit. Freiheit vor allem auch in dem Sinne, dass sie nicht „durchgefördert“ werden. Druckerman beschreibt da ganz witzig, dass sie schockiert war, dass die Babys im Schwimmkurs bloß rumplantschen, um sich ans Wasser zu gewöhnen und gar nicht schwimmen lernen.

Und morgen gibts mehr!